Altes Bad Pfäfers
27.08.2022–16.10.2022

Weil hiersein viel ist!

Vernissage Samstag, 27. August 2022, 14.15 Uhr.
Einführung: Nana Pernod, Kunsthistorikerin

Marlies Achermann-Gisinger

Gläserne Identitäten

von Nana Pernod, Kunsthistorikerin Zürich

Die Künstlerin Marlies Achermann (1951, Feldkirch A) verleiht dem Glas mit ihrer Kunst unzählige neue Identitäten. Das transparente Material, das alles offenlässt und viele Durchblicke ermöglicht, wandelt sich unter ihrer künstlerischen Hand in eine vielschichtige neue Welt. Es ist eine imaginierte Welt, die aus Teilen unserer realen Welt zusammengesetzt ist.

Glas ist Achermanns bevorzugter Bildträger. Wie in der Glasmalerei bespielt sie dieses fragile Material von hinten und muss im Arbeitsprozess in umgekehrter Reihenfolge denken und handeln. Mittels Nitrofrottage, einem Verfahren, bei welchem bildnerische Vorlagen mit Hilfe eines Lösungsmittels wie Nitroverdünner oder Aceton auf einen Bildträger übertragen werden, finden verschiedene Bildwelten dank Achermanns Können den Weg hinter das Glas. Dabei sticht die Detailverliebtheit der Künstlerin ins Auge: Teile eines Fisches wandeln sich beispielsweise zu einem Unterwasserstilleben. Farben, Formen und Strukturen finden sich hier in einer neuen, ungewohnten Zusammenstellung wieder. Eine neue Welt ist aus bekannten Teilen entstanden.

«Kultur trifft Natur in meinen Bildwelten», erläutert Achermann. Nicht selten ist ein Stuhl, ein Fahrradfahrer neben Pflanzen und Himmelsansichten übereinandergeschichtet dargestellt. Durch diese Neuformulierung einer wohlbekannten aber formal neu zusammengesetzten Welt entsteht etwas Neues, Überraschendes, Unvorhersehbares. Dies fasziniert die Künstlerin. So wirken auch Ihre Glaswerke: man schaut und schaut und entdeckt immer wieder Neues oder meint etwas vorher Unentdecktes doch noch entdeckt zu haben. Dieser Sehprozess ist gleichzeitig eine Lebensmetapher: unser aller Leben verläuft auf unvorhersehbaren Pfaden, gerade das macht dessen Spannung und Reiz aus – und das spiegelt Achermanns Werk.

Ihre Anregungen holt sich die Künstlerin auf ihren täglichen Gängen durch Natur und Stadt. Dabei steht achtsames Gehen und Erleben der sie umgebenden Umwelt im Zentrum ihrer Wahrnehmung. Im Wandel des Augenblicks hält sie diesen mit ihrer Kamera fest. Dieses Bild ist für sie das Rohmaterial, das sie Schwarz-weiß weiterverwendet. Farben verleiht sie ihren imaginär zusammengestellten Welten später selber. Diese können eine Anlehnung an die Realität oder nur ein persönlicher Eindruck davon gewandelt in künstlerischer Handschrift sein. Bei der Nitrofrottage arbeitet die Künstlerin mit verschiedensten Schichten, Instrumenten und am liebsten mit ihren Fingern, mit denen sie Farbe taktil auf das Glas aufträgt. Dieses Arbeiten in umgekehrter Reihenfolge (da hinter Glas) erfordert Konzentration, Achtsamkeit und einen langen Atem. Der langsame und minutiöse Arbeitsprozess ist ein wichtiges Kennzeichen ihres künstlerischen Schaffens. Im Atelier werden die für Achermann wunderbaren Augenblicke des Erlebten so nochmals lebendig und wandeln sich. Dieses Wiedererleben und gleichzeitiger Wandel spiegeln auch die Lebenshaltung und Biographie der Künstlerin wieder.

Im österreichischen Vorarlberg, in Feldkirch, geboren, erlebte sie durch ihre Eltern noch die Nachwehen des kriegstraumatisierten Europas. Entbehrung und Kriegserfahrung waren auch Teil ihrer eignen Familiengeschichte. Schon früh war der Drang nach Eigen- und Selbständigkeit gross. Achermann zog achtzehnjährig alleine nach Zürich, wo sie in der Zahnklinik arbeitete, ihre Liebe zur künstlerischen Arbeit aber weiter pflegte und sich an der hiesigen Kunstgewerbeschule dann steig weiterbildete.
Auch ihren Mann lernte sie hier kennen und zog mit hm ihre zwei Söhne auf. Als Mutter widmete sie sich fortan gänzlich der Kunst

In ihrem Werk ist die kindliche Entdeckungs- und Erforschungsfreude lebendig geblieben. Was für Kunstschaffende an sich gilt, gilt für Achermann sehr ausgeprägt: das kindliche Erforschen der Umwelt, das Entdecken dessen, was andere Augen nicht sehen oder, besser gesagt, übersehen, ist das Hauptmotiv ihrer künstlerischen Arbeit. Das Urbane, die Genese dessen, was die Gesellschaft hervorzubringen vermag, wie sie im Zusammensein neue Wege beschreitet und die gleichzeitige Ruhe in einer naturdurchtränkten Umgebung, wo sich ihr Zuhause und Atelier befindet, lässt jene Spannung an den Tag treten, die auch in ihren Werken festgemacht werden kann.

Wie so manche Leben birgt ihre künstlerische wie auch gelebte Vita verschiedene Identitäten. In der Transparenz des Glases finden sich viele Ankerpunkte und Heimaten, die neu entdeckt zu werden warten. Die Mehrschichtigkeit ihres Werkes spiegelt auch ihr eigenes Leben. Wohl in der Schweiz heimisch geworden, sind da sicher noch voralbergische Spuren, die in verschiedenen Schichtungen immer wieder an den Tag treten.

Achermann wandelt die Formate ihrer Glaswerke immer wieder: von Glaswürfeln und Schaukästen, ungerahmten aber beständigen Werken, bis zu rechteckigen, quadratischen oder runden Werkformaten. Man denkt in eine Richtung und wird überrascht, weil uns das Werk eine andere Richtung offenbart. Die Farbigkeit und die formalen Elemente haben eine sehr feine Handschrift, auch die etwaigen Schriftzüge verraten durch Buchstaben-, Wort- sowie Textwahl etwas sehr Filigranes, fast Zerbrechliches. Das «zwischen den Bildern, Schichten und auch Zeilen» ist der «Taktgeber». So treten poetische Welten an den Tag und verzaubern die Sehperspektive des Betrachters auf ihre eigene Art und Weise. Achermanns Bildwelten sind denn auch poetische Ausformungen und Neuformulierungen eines gewandelten Augenblickes, eine Einladung die Welt auch anders anzuschauen, achtsam die Wunder unserer Umgebung wahrzunehmen und dabei unserer Imagination freien Lauf zu lassen.

Neben der experimentellen Glasarbeit widmet sich die Künstlerin auch immer wieder gerne der Collage aus Papierresten, Karton und anderen Materialien. Auch Rahmen und Passepartout gehören zu ihrem Experimentierfeld: eine Einladung Sehgewohnheiten abzulegen und in eine andere Welt einzutauchen. Die Werke Achermanns stechen auch durch ihre präzise formale Fertigung ins Auge. Durch ihre Beständigkeit, die die Künstlerin ihnen durch eine letzte Schicht aus Polyurethan verleiht, eignen sich diese filigranen Kunstglaswerke auch in nassfeuchten Räumen gehängt zu werden.

Achermann stellt mit Erfolg in der Schweiz wie auch im Ausland aus. Vor allem im Kleinformat hat sie bereits Preise an internationalen Jurierungen gewonnen. Mit ihrem Mann lebt sie in Bonstetten ZH, wo sich auch ihr Atelier befindet.

achermann.cc
 

Werdegang, Ausstellungen

1951 geboren in Feldkirch (A)
Seit 1975 wohnhaft in der Schweiz

Schule für Gestaltung und Kunst in Zürich
Prozessorientiertes Malen, Studiengang Wege zum Entwurf bei E. Churcher
Textile Material-Experimente bei R. Wyss
Kunstakademie Augsburg (D)
Seminarkurse bei Michael James (USA) und Monika Speyer (D)
Lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Bonstetten
Auszeichnung: 2009 Jury-Preis Small Expressions – Cincinnati (USA)
2004 Jury-Preis, 6th international Biennale of Miniatures, Centenaries and Instants
Seit 2000 freischaffende Künstlerin
Nationale und internationale Ausstellungen
Seit 2003 eigens Atelier in Bonstetten
Mitglied der Kulturkommission Bonstetten
Organisatorin der offenen Ateliers der Gemeinden Bonstetten/Wettswil/Stallikon

Einzel
2010 Galerie Bohrer, Bonstetten
2012 Galerie Märthüsli, Spuren, Affoltern a. A.
2013 Architektur und Kunst, Architekturbüro Nater
2013 Galerie Bohrer, Bonstetten
2014 Galerie Alte Poststelle, Schubertiade – Schwarzenberg (A)
2015 Galerie im Gerberturm «Poetische Leichtigkeit» Schwäbisch Hall (D)
2016 Galerie Hadorn, Magie und Sinnlichkeit, Lichtensteig SG
2017 Galerie Sonja Bänziger, St. Gallen
2018 Villa Grunholzer – Gläserne Zeiten, Uster
2020 Galerie Kunst & Co. Chur, 9. April – 15. Mai, verschoben

Gruppen
2015 Kunst15, Zürich
2015 Das kleine Format, Zollikon/Zürich
2016 AnsichtsSache, mit Antje Fischer und Eri Kassnel, in der Zehntscheuer Münsingen (D)
2016 Aemtler Künstler, juriert, Kasino Affoltern a. A.
2016 Kunst16, Zürich
2017 Über-Brücken, Alte Fabrik, Rapperswil-Jona
2017 Offene Ateliers, Bonstetten–Wettswil–Bonstetten, 4./5. November
2018 Int. Kunstpreis, 9. Miniatur in der bildenden Kunst 2018, Fürstenwalde (D)
2018 Offene Ateliers 2, Bonstetten–Stallikon–Wettswil 2018
2019 30 Jahre – 3 Künstler, Teufelhof Basel, eingeladen
2019 Zürich 1.0, Swiss Art Expo
2019 Offene Ateliers 3 Bonstetten–Stallikon–Wettswil, 9. und 10. November
2020 Kunst-lockt, Lokremise Wil SG., 17. Oktober – 1. November
2020 Kasino Affoltern a. A., Jurierte Ausstellung Aemtler Künstler, 22. bis 25 Oktober
2021 Offene Ateliers 3 Bonstetten–Stallikon–Wettswil
2021 Galerie Bohrer, 30 Jahre GG, Accrochage
2021 10. Dezember 2020 – 20. Januar 2022, Heimspiel – Kunsthalle Appenzell
2021 13. – 14. November Offene Ateliers 3 Bonstetten–Stallikon–Wettswil
2022 19. und 20. sowie 26. und 27. März OPEN HOUSE, Galerie Bohrer
2022 24. August – 17. Oktober 2022, Altes Bad Pfäfers – mit Maja Thommen, «Weil hier sein viel ist!»
2022 Kunstforum Stallikon

Maja Thommen

Konsequent-Es · Mensch-Sein · In Bezug · Zur Natur

Biografische Eckdaten
Maja Thommen (*1965) wuchs im Kanton Zürich auf. Nach dem Gymnasium jobbte sie zuerst an verschiedenen Orten und besuchte Abendkurse an der Zürcher Kunstgewerbeschule. 1990 machte sie Bekanntschaft mit dem Basler Bildhauer Ernst Weisskopf, der ihr einen alten Grabstein zur Verfügung stellte, um die Arbeit mit Hammer und Spitzeisen zu erproben. Thommen fühlte sich sofort in ihrem Element und wurde für ein einjähriges Praktikum engagiert. Ihre weitere Ausbildung führte sie nach Carrara an die Accademia di belle Arti, wo sie Bildhauerei studierte. Seit 1993 stellt sie regelmässig aus – vor allem in der Schweiz und Italien, aber auch in Island, Japan, Deutschland und Österreich. Ihr Atelier befindet sich in Pietrasanta (I), wo neben klassischen, bildhauerischen Arbeiten auch Werke aus Porzellan, Metall und Kunststoff entstehen. Die Künstlerin arbeitet sowohl drei- wie auch zweidimensional und hegt eine grosse Vorliebe für das Relief. Einen ebenfalls wichtigen Stellenwert ihrem formreichen, jedoch farbarmen Schaffen nehmen Arbeiten auf Papier ein, die der Formulierung einer Idee dienen und dennoch eigenständig sind. Thommens Form-Findungen funktionieren wie Piktogramme.

Spuren-Suche
Weder subjektiver Ausdruck noch formalästhetischer Recherchen stehen im Zentrum von Maja Thommens Kunst, sondern die Frage nach der Natur der Kunst, nach deren Ursprüngen und Bedeutung für den Menschen. Seit ihren künstlerischen Anfängen interessierte sich die Künstlerin für den menschlichen Körper. Sie stellt ihn nicht nur als statuarische Figur, sondern ebenso in verschiedensten Posen dar – als ein von der Umgebung losgelöstes Zeichen, das eine seelisch-geistige Verfassung zum Ausdruck bringt. So lautet eine ihrer neueren Arbeiten «Projektor, das neue bewusstseinserweiternde Multiple». und besteht aus neun verschiedenen Umrissfiguren aus Chromstahl, die auf einen Stab montiert sind. Der augenzwinkernde Titel und die im Werk implizit angelegte Aufforderung der Handhabung bzw. der eigenhändigen Aneignung sowie des spielerischen Umgangs damit sind charakteristisch für Thommens Kunstverständnis.

Bereits in den Neunzigerjahren gab die Künstlerin eine Buch-Trilogie zum Thema Mensch-Sein heraus. Die erste Schrift trägt den Titel «Der Mensch. Einführung.», die zweite «Individuen. Spiele.» und die dritte «Paare. Bewegung.» Bei der Wiedergabe des menschlichen Körpers konzentriert sich die Künstlerin auf die groben Züge, die Silhouette bzw. den dreidimensionalen Strich. Ihre Werke können als gebündelte Kraftlinien gelesen werden. So beginnt das erste Buch beginnt einer Abbildung von vier mit dem Rücken zueinander gewandte Figuren, welche die Arme emporstrecken. Wie alle übrigen Abbildungen ist auch diese einem aphorismenähnlichen Satz gegenübergestellt, der folgendermassen lautet: «Von allen menschlichen Organisationsformen ist die Menschenmenge die kurzlebigste». Beim Betrachten der stark abstrahierten Figuren fühlt man sich an jungsteinzeitliche Kunst wie die in Fels geritzten Adoranten in Valcamonica (I) oder steinerne Figurinen wie die Venus von Willendorf (A) erinnert; allerdings mit dem Unterschied, dass Thommens Figuren zumindest anfänglich keinerlei Geschlecht zuzuordnen sind.
Mensch-Sein

Ihre Kunst ist auf Berührung angelegt und sie ist zutiefst menschlich. Sie befragt den Menschen in unterschiedlichen Konstellationen – als Individuum, als Paar und als Kollektiv und verleiht ihm symbolische Gestalt, um geistige Sachverhalte zu veranschaulichen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Bronzestatuette «Wanderer» (1998, nach einer Lonely-Coast-to-Coast-Fahrt durch die USA) die über ihrem Kopf einen weiten Bogen mit einer Vielzahl kleinerer, bewegter Figuren spannt. Intuitiv begreift man, dass die Figur übermässige Ausdehnung und Vervielfachung verkörpert, eine Bewegung verinnerlicht. Die Künstlerin kommentierte das Werk einst mit prägnanten Worten: «Der moderne Mensch ist dynamisch».

2006 kreierte Maja Thommen die Kunstfigur und Alter-Ego Su, Protagonistin des Porzellanpuzzles «Suserie» - einer Serie quadratischer, farblich variierender Kacheln mit eingeritzter Zeichnung eines Frauenkörpers, jener von Su eben. In der Begleitpublikation schreibt die Künstlerin: «Su heisst richtig Susan. Sie ist die Figur in den Skulpturen. Us. Das sind wir. All die anderen.» Gleichzeitig fordert sie auf, spontan zu jeder Bewegung einen Begriff zu schreiben. Das Thema des weiblichen Körpers in Bewegung verfolgt die Künstlerin im Jahr darauf in einem flachen Relief aus Acrylharz, das eine Abfolge von sechs Stellung – vom Lotussitz bis zum Schreiten mit ausgestreckten Armen – beinhaltet. Die Abwicklung erinnert an evolutionsgeschichtliche Darstellungen zur Entwicklung des aufrechten Ganges. Das Werk birgt ein gewisses Mass an Subversion, wird doch der bewaffnete Jäger durch eine Art Priesterin ersetzt. Die Arbeit wurde 2007 in Camaiore (I) unter dem Titel «Con-Sequenze» gezeigt. In dieselbe Richtung stösst das sechzehn Tafeln zählende Relief «Dressing». In dieser Arbeit verbindet die Künstlerin den weiblichen Körper mit der Religionsgeschichte und der Frage, ob man Religionen wie Kleider an- und ausziehen kann, weshalb sie jeder Figur ein anderes stoffliches und zugleich symbolisches Attribut beigesellt.
Natur-Zeich(n)en

Maja Thommen befasst sich in ihrem Schaffen einerseits mit der inneren und äusseren Natur des Menschen, anderseits mit der Natur selbst, der in ihr anzutreffenden Strukturen und dem Verhältnis des Menschen zu ihr. 2001 präsentierte Thommen in Bonstetten und Basel menschliche Figuren in Verbindung mit Wellen- und Blattmustern. Diese Bronzeplastiken benannte sie «Im Wald», «Im Fluss» und «Blumen». Letztere sind im Grunde eine formale Kreuzung zwischen anthropomorphen und floralen Formen. Natur ist gemäss den meisten antiken Philosophen weit mehr als das nur materiell Vorhandene. Sie umfasst gemäss Aristoteles auch die den Dingen innewohnende Kraft. Die metaphysische Dimension kommt bei Thommen in Werken wie «Energia» und «Aura» zum Ausdruck. Mit ihrem Schaffen bringt Maja Thommen etwas bildnerisch zur Sprache, was in der aktuellen zeitgenössischen Kunst ein Mauerblümchen-Dasein fristet: Das Transzendente – all das, «was außerhalb oder jenseits eines Bereiches möglicher Erfahrung, insbesondere des Bereiches der normalen Sinneswahrnehmung liegt und nicht von ihm abhängig ist.“ Im animistischen Glauben äussert sich das „Göttliche“ durch numinose Naturerscheinungen bzw. ist in der Natur selbst enthalten. Elemente wie Feuer und Wasser besitzen eine Doppelnatur. Selbst bei den monotheistischen Religionen besitzen diese wegen ihrer leicht verständlichen und einprägsamen Sinn-Bildlichkeit eine grosse Bedeutung.
Abstrakter Formen-Fluss

Im Sommer 2017 realisierte die Künstlerin zum 6000sten Jubiläum von Niklaus von der Flüe im Kloster Kappel (ZH) die Arbeit «Ich bin der Brunnen». Diese ortsbezogene Installation dokumentiert in vielerlei Hinsicht den tiefgreifenden Wandel, den Thommens Schaffen in den vergangenen fünf Jahren durchlaufen hat. Der Mensch wird nicht mehr dreidimensional dargestellt, wohl aber dessen Natur-Erleben. Die Künstlerin erkennt sich und den Menschen in Naturphänomen wieder. Die Natur wird zum Resonanzkörper der eigenen Existenz.

Der künstlerische Fokus liegt neuerdings auf der Sichtbarmachung von elementaren Kräften, insbesondere des Fliessens – ein Motiv, das die Künstlerin auch zeichnerisch umsetzt und in die eigenen Köperumrisse einschreibt. Die Formen sind nun stark abstrahiert, zwar immer noch von der sichtbaren Welt ausgehend, doch wirken sie nun wie ein Ornament. Für das Hotel Rujkandi in Island schuf Maja Thommen eine imposante, drei Meter hohe, durchbrochene Corten-Stahl-Plastik, die einem Wasserfall nachempfunden ist. Hinzukommen reliefierte Bodenarbeiten, die mit den Füssen ertastet bzw. begriffen werden. Nicht von ungefähr bezeichnet die Künstlerin eine dieser Arbeiten Als «E-terr-nità» und holt so gewissermassen den Himmel auf Erden.

Maja Thommen ist nun auf der Fährte von Grundlegendem. Es geht um Erfahrung. Spuren im Sand und im Schnee waren übrigens die ersten, noch vergänglichen Zeichen, die der Mensch las. Sich selbst verewigte er zuerst mit einem unmittelbaren Handabdruck, bevor er zur zeichnerischen und skulpturalen Wiedergabe schritt. Das war vor ca. 40'000 Jahren. «Kunst» diente schon damals der Selbstvergewisserung und der Erinnerung.

Werdegang, Ausstellungen (PDF)

majathommen.ch